Persönliche Entwicklung und existenzielle Fragen

"Wer über sich selbst hinausgehen will,
muss in sich selbst hinabsteigen"

Tibetische Weisheit

Wenn das bisherige Leben nicht mehr vollständig trägt

Nicht immer beginnt der Wunsch nach psychotherapeutischer Begleitung mit einer klar benennbaren psychischen Erkrankung. Manchmal ist äußerlich vieles geordnet – und dennoch entsteht das Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt oder dass das bisherige Leben nicht mehr vollständig zu einem passt.

Vielleicht haben Sie lange funktioniert, Verantwortung übernommen und vieles erreicht. Nun stellen sich Fragen, die sich nicht mehr so leicht beiseiteschieben lassen:

  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Lebe ich so, wie ich eigentlich leben möchte?
  • Welche Seiten von mir haben bisher zu wenig Raum erhalten?
  • Weshalb wiederholen sich bestimmte Entscheidungen oder Beziehungen?
  • Was möchte ich bewahren – und wovon möchte ich mich lösen?
  • Was gibt meinem Leben Richtung und Sinn?

Solche Fragen können durch eine Krise, eine Trennung, einen Verlust oder eine Erkrankung ausgelöst werden. Sie können aber auch entstehen, wenn eine Lebensphase zu Ende geht, die Kinder selbstständig werden, berufliche Ziele erreicht sind oder die eigene Endlichkeit deutlicher ins Bewusstsein tritt.

Manchmal gibt es keinen erkennbaren äußeren Anlass. Es ist zunächst nur eine Unruhe, eine Sehnsucht oder das schwer erklärbare Gefühl, sich selbst im eigenen Leben ein wenig verloren zu haben.

  • Nicht jede innere Unruhe ist ein Symptom, das möglichst schnell verschwinden muss. Manchmal weist sie darauf hin, dass etwas im bisherigen Leben nicht mehr stimmig ist oder etwas bisher wenig Gelebtes mehr Raum sucht.

Entwicklung bedeutet nicht Selbstoptimierung

Persönliche Entwicklung verstehe ich nicht als ein Programm, mit dem Sie leistungsfähiger, erfolgreicher oder zu einer vermeintlich besseren Version Ihrer selbst werden sollen.

Vielmehr kann es darum gehen, genauer wahrzunehmen, was bereits in Ihnen vorhanden ist: eigene Bedürfnisse, Fähigkeiten und Sehnsüchte, aber auch Grenzen, Widersprüche und verletzliche Seiten, die bisher wenig Beachtung gefunden haben.

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Vorstellungen davon, wie wir sein müssen, was von uns erwartet wird und wodurch wir Anerkennung oder Zugehörigkeit erhalten. Vieles davon gibt Orientierung und Halt. Manches kann jedoch dazu führen, dass wir uns stark anpassen, bestimmte Seiten zurückhalten oder den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen verlieren.

Dann kann ein Leben nach außen durchaus gelingen und sich innerlich dennoch nicht wirklich wie das eigene anfühlen.

Persönlichkeitsentfaltung bedeutet für mich deshalb nicht, etwas Fremdes hinzuzufügen. Es geht eher darum, freier zu werden für das, was zu Ihnen gehört und bislang nicht ausreichend gelebt werden konnte.

Wenn Veränderung notwendig und zugleich beängstigend ist

Auch wenn wir spüren, dass etwas nicht mehr passt, fällt Veränderung oft schwer. Das Vertraute gibt Sicherheit – selbst dann, wenn es uns belastet oder einschränkt.

Eine neue berufliche oder persönliche Richtung, eine klarere Abgrenzung oder ein anderer Umgang mit Beziehungen kann deshalb widersprüchliche Gefühle auslösen. Neben Hoffnung und Neugier können Angst, Schuld, Trauer oder Zweifel entstehen.

Manchmal bedeutet Veränderung auch anzuerkennen, dass eine frühere Vorstellung vom eigenen Leben nicht mehr zu verwirklichen ist. Dann geht es nicht nur um einen Neubeginn, sondern ebenso um Abschied und Trauer.

Psychotherapeutische Begleitung kann einen Raum bieten, in dem solche inneren Bewegungen nicht vorschnell in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Gemeinsam können wir genauer verstehen:

  • Was trägt Sie weiterhin?
  • Was ist zu eng geworden oder erschöpft?
  • Was hält Sie in einer unbefriedigenden Situation fest?
  • Was müsste betrauert oder verabschiedet werden?
  • Was möchte sich verändern oder neu entwickeln?

Dabei muss das Neue nicht bereits feststehen. Übergänge beginnen häufig damit, dass das Alte seine Selbstverständlichkeit verliert, während eine neue Orientierung erst allmählich entsteht.

Lebensübergänge und die Frage nach dem eigenen Weg

Bestimmte Lebensphasen bringen existenzielle Fragen besonders deutlich hervor. Dazu können gehören:

  • der Übergang in eine neue Lebensphase,
  • Veränderungen in Partnerschaft oder Familie,
  • Trennung, Verlust und Trauer,
  • berufliche Neuorientierung oder das Ende des Berufslebens,
  • körperliche Erkrankungen oder chronische Beschwerden,
  • das Älterwerden und die Erfahrung der eigenen Endlichkeit,
  • eine Lebensbilanz, die neben Erfülltem auch Versäumtes sichtbar macht.

In solchen Zeiten greifen vertraute Lösungen häufig nicht mehr. Was bisher Orientierung gegeben hat, verliert möglicherweise an Bedeutung. Gleichzeitig kann deutlicher werden, welche Wünsche lange zurückgestellt wurden und was im verbleibenden Leben noch wichtig sein soll.

Dabei geht es nicht darum, das bisherige Leben nachträglich als gelungen oder misslungen zu bewerten. Ein menschliches Leben enthält fast immer beides: verwirklichte Möglichkeiten und ungelebte Wege, Verbundenheit und Verlust, Dankbarkeit und Bedauern.

Psychotherapie kann helfen, diese widersprüchlichen Erfahrungen nebeneinander bestehen zu lassen. Daraus kann eine realistischere und zugleich freundlichere Beziehung zur eigenen Geschichte entstehen – und möglicherweise mehr Freiheit für das, was heute noch gestaltet werden kann.

Sinn lässt sich nicht verordnen

Die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens lässt sich nicht mit einem allgemeinen Konzept beantworten. Was einem Menschen Halt und Richtung gibt, kann für einen anderen bedeutungslos sein.

Sinn kann in Beziehungen, Verantwortung, schöpferischer Tätigkeit, Natur, gesellschaftlichem Engagement, Spiritualität oder in einer bestimmten Haltung zum eigenen Leben erfahren werden. Er kann sich verändern und in Krisenzeiten zeitweise ganz verloren gehen.

In der Therapie geht es deshalb nicht darum, Ihnen eine Antwort vorzugeben. Wir können jedoch gemeinsam erkunden, was Sie innerlich berührt, was sich lebendig oder wesentlich anfühlt und welche Werte in Ihrem bisherigen Leben vielleicht zu wenig Raum erhalten haben.

Manchmal entsteht Orientierung weniger durch eine endgültige Antwort als durch einen wiedergefundenen Kontakt zu sich selbst.

Raum für spirituelle Fragen

Für manche Menschen sind existenzielle Fragen eng mit Spiritualität verbunden. Dabei kann es um Verbundenheit, Vertrauen, Endlichkeit, Transzendenz oder um die Erfahrung gehen, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein.

Auch solche Fragen dürfen in der Therapie Raum erhalten. Dafür müssen Sie keiner bestimmten Religion oder spirituellen Tradition angehören. Ebenso wenig wird Spiritualität vorausgesetzt oder als notwendiger Bestandteil einer Therapie verstanden.

Entscheidend ist, welche Bedeutung diese Dimension für Sie persönlich hat. Spirituelle Erfahrungen können Kraft und Orientierung vermitteln. Sie können aber auch mit Zweifeln, Enttäuschungen, Schuldgefühlen oder Konflikten verbunden sein. Beides kann offen betrachtet werden.

Meine eigene langjährige Beschäftigung mit Tai Chi, Chi Kung, Tao Yoga sowie philosophischen und spirituellen Traditionen hat meinen Blick auf Körperwahrnehmung, innere Entwicklung und existenzielle Fragen geprägt. Daraus leite ich jedoch keine bestimmte Weltanschauung für andere Menschen ab.

  • Spiritualität verstehe ich nicht als fertige Antwort auf menschliche Konflikte, sondern als einen möglichen Erfahrungsraum, in dem Fragen nach Sinn, Verbundenheit und innerer Orientierung ihren Platz haben können.

Den eigenen inneren Bezug wiederfinden

Manche Menschen wissen gedanklich sehr genau, was sie verändern müssten, können aber nicht spüren, welcher Schritt tatsächlich zu ihnen passt. Andere orientieren sich so stark an Erwartungen und Verpflichtungen, dass die eigene innere Stimme kaum noch wahrnehmbar ist.

Deshalb beziehe ich in die therapeutische Arbeit nicht nur Gedanken und Erklärungen ein. Auch Gefühle, körperliche Wahrnehmungen, innere Bilder und die persönliche Resonanz auf eine Situation können Hinweise geben.

Im körperorientierten Focusing wird hierfür der Begriff des „Felt Sense“ verwendet: ein zunächst oft noch unbestimmtes körperliches Empfinden, in dem mehr enthalten sein kann, als bereits bewusst gedacht oder sprachlich ausgedrückt werden kann.

Dabei wird eine körperliche Reaktion nicht vorschnell gedeutet. Wir versuchen vielmehr, ihr aufmerksam zu begegnen und zu prüfen, ob sich daraus ein genaueres Verständnis entwickelt.

So kann allmählich wieder ein innerer Bezug entstehen:

  • Was fühlt sich für mich stimmig an?
  • Wo überschreite ich eine eigene Grenze?
  • Was löst Enge, Rückzug oder Widerstand aus?
  • Wobei entsteht Lebendigkeit oder innere Zustimmung?

Diese Wahrnehmungen geben nicht immer sofort eine eindeutige Antwort. Sie können jedoch helfen, Entscheidungen nicht ausschließlich nach äußeren Anforderungen oder eingeübten Vorstellungen zu treffen.

Ein gemeinsamer Prozess

Persönliche Entwicklung lässt sich nicht von außen planen. Auch ich weiß nicht im Voraus, wohin Ihr Weg führen soll.

Sie bringen Ihre Geschichte, Ihr Erleben und Ihre Fragen mit. Ich bringe meine ärztliche und psychotherapeutische Erfahrung, meine Aufmerksamkeit und meine persönliche Resonanz in unsere Begegnung ein.

Gemeinsam können wir untersuchen, was sich in Ihnen und zwischen uns zeigt. Meine Wahrnehmungen stelle ich Ihnen als Möglichkeiten zur Verfügung, nicht als fertige Wahrheiten über Sie. Sie prüfen, ob etwas Sie erreicht, eine neue Perspektive eröffnet oder nicht zu Ihrem Erleben passt.

Manchmal entsteht daraus eine konkrete Entscheidung. Manchmal verändert sich zunächst die Beziehung zu einem Problem oder zur eigenen Geschichte. Und manchmal wird etwas sichtbar, das vorher nur als Unruhe, Leere oder Sehnsucht spürbar war.

  • Persönliche Entwicklung bedeutet nicht, ein anderer Mensch werden zu müssen. Sie kann dazu führen, sich dem eigenen Leben bewusster zuzuwenden und freier mit dem umzugehen, was bereits da ist und was noch möglich werden könnte.

Welcher therapeutische Rahmen kann passen?

Existenzielle oder persönliche Fragen müssen nicht immer zu einer langfristigen Psychotherapie führen.

Wenn Sie ein umschriebenes Anliegen zunächst genauer betrachten möchten, kann der begrenzte Rahmen von Five – fünf Gespräche zur Klärung und Orientierung sinnvoll sein. Dabei konzentrieren wir uns auf eine gemeinsam vereinbarte Frage und ziehen im fünften Gespräch Bilanz.

Wenn Themen tiefer in der eigenen Lebensgeschichte, in wiederkehrenden Beziehungsmustern oder länger anhaltenden Beschwerden verwurzelt sind, kann eine fortlaufende Psychotherapie angemessener sein.

Sie müssen sich vor der Kontaktaufnahme noch nicht für einen bestimmten Rahmen entscheiden. In einem Erstgespräch können wir gemeinsam klären, was Sie beschäftigt und welche Form der Begleitung Ihrem Anliegen gerecht werden könnte.

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"Eines ist sicher:
Wenn wir uns selbst kein Wohlwollen entgegenbringen,
dann können wir es auch anderen Menschen nicht entgegenbringen“

Shabkar